Proseminar — SS 2026
Lektion 1: Duzen oder Siezen?
Systemwissenschaftliche Konzepte, Python-Grundlagen, technische Infrastruktur (Git, VSCode, Copilot)
Wir modellieren gemeinsam ein agentenbasiertes Modell für eine reale Problemstellung
Eigenständige Gruppenarbeit an einer realen Problemstellung mit KI-gestützten Methoden
| Komponente | Anteil |
|---|---|
| 2 Kurztests | 25 % |
| Gruppenprojekt | 45 % |
| Endbericht (Einzel) | 15 % |
| Mitarbeit | 15 % |
eine Frage vorab.
Die Frage
“Sollen wir uns in diesem Kurs duzen oder siezen? Ich möcht das nicht einfach entscheiden, sondern lass uns das kurz gemeinsam klären.”
Was gerade passiert ist, war euer erstes systemwissenschaftliches Experiment.
Ihr habt in einem sozialen System eine Regel verhandelt — und dabei fast alles getan, was Systemwissenschaftler:innen analysieren. Lasst uns das jetzt sezieren.
Systemstruktur — Macht, unsichtbare Regeln, Hierarchie
Dynamik — Folgewirkungen, Kipppunkte, Eingriffe
Grenzen & Kontext — Übertragbarkeit, Gewinner/Verlierer
A1. Wer hatte die Macht, die Entscheidung zu beeinflussen? Wer hätte ein Veto gehabt? Warum?
A2. Welche “unsichtbaren Regeln” haben euer Gespräch gesteuert, die niemand explizit benannt hat?
A3. Was wäre anders gewesen, wenn eine Professorin die Frage gestellt hätte statt einem Doktoranden?
B1. Stellt euch vor, wir hätten uns fürs Du entschieden. Zeichnet auf, was in den nächsten Wochen passieren könnte — positive und negative Ketten von Folgewirkungen. Mindestens 3 Schritte in jede Richtung.
B2. Gibt es einen Punkt, ab dem die Entscheidung nicht mehr rückgängig zu machen wäre? Warum?
B3. Was wäre der kleinstmögliche Eingriff gewesen, der das Ergebnis gekippt hätte?
C1. Würde dieselbe Entscheidung in einem Jus-Seminar, einem Sportkurs oder einer Firma gleich ausfallen? Was ändert sich, und warum?
C2. Wer profitiert vom Du, wer verliert dadurch etwas? Gibt es Gewinner und Verlierer, die nicht offensichtlich sind?
C3. Könnt ihr euch eine Situation vorstellen, in der eure Entscheidung von vorhin das Gegenteil bewirkt von dem, was ihr beabsichtigt habt?
Was für ein “Spiel” haben wir eigentlich gespielt?
Wenn zwei Personen im Kurs aufeinandertreffen — vier Szenarien:
| B sagt “Du” | B sagt “Sie” | |
|---|---|---|
| A sagt “Du” | Entspannt, locker, symmetrisch | Awkward — A wirkt respektlos, B wirkt steif |
| A sagt “Sie” | Awkward — A wirkt unterwürfig, B wirkt übergriffig | Höflich, distanziert, symmetrisch |
Beide profitieren am meisten, wenn sie dasselbe tun.
Aber: Stimmt die symmetrische Bewertung wirklich?
Das erklärt, warum die Entscheidung überhaupt schwierig ist — obwohl sie trivial wirkt.
Wer bestimmt, auf welches Equilibrium sich die Gruppe koordiniert?
Wir sehen uns jede Woche. Was ändert sich?
Eure Beobachtungen — die Fachbegriffe der Systemwissenschaft
| Was ihr gesagt habt | Systemwissenschaftlicher Begriff |
|---|---|
| “Hauptsache alle machen’s gleich” | Koordinationsspiel / Nash-Equilibrium |
| “Manche wollen lieber Du, andere lieber Sie” | Battle of the Sexes |
| “Der Lehrende hat’s vorgeschlagen, also machen alle mit” | Focal Point (Schelling) |
| “Du kannst danach nimmer zurück zum Sie” | Pfadabhängigkeit / Lock-in / Hysterese |
| “Es hat gereicht, dass eine Person laut ‘Du’ gesagt hat” | Tipping Point / Leverage Point |
| “Die Stimmung im Kurs wär komplett anders” | Emergenz |
| “Wenn alle Du sagen, traut sich keiner mehr zu siezen” | Positive Feedback-Schleife |
| “Der Doktorand fragt, aber er könnt’s auch einfach bestimmen” | Governance / Power Asymmetry (Ostrom) |
| “Im Jus-Seminar wär’s undenkbar” | Kontextabhängigkeit / Systemgrenzen |
| “Nach a paar Wochen traut sich keiner mehr zu wechseln” | Repeated Game / Norm-Entstehung |
| “Wer als einziger siezt, steht blöd da” | Soziale Sanktion / Abweichungskosten |
Ihr habt in 60 Minuten intuitiv fast alle zentralen Konzepte der Systemwissenschaft angewandt — an einem Alltagsbeispiel. Ab nächster Woche formalisieren wir das.
Komponenten, Relationen, Hierarchie, Grenzen, Governance
Feedback, Emergenz, Pfadabhängigkeit, Tipping Points
Spieltheorie, Koordination, Normen, Institutionen
Brown & Gilman (1960) · Schelling (1960) · Ostrom (1990) · Meadows (1999)
Welchen Entscheidungsmechanismus wählen wir — und warum?
Schnell, klar — aber die Minderheit wird überstimmt. Klassisches Aggregationsproblem.
Nicht “alle sind begeistert”, sondern “niemand hat einen schwerwiegenden Einwand”. Aus der Soziokratie.
Ein Default wird gesetzt, individuelle Abweichung ohne Rechtfertigung möglich. Nudging-Logik (Thaler & Sunstein).
“Ich schlage vor, wir duzen uns im Kurs. Hat jemand einen schwerwiegenden Einwand?”
Die Entscheidung wird schriftlich festgehalten — auf einem Flipchart, das hängen bleibt, oder im Kurs-Moodle.
Lehrmoment: Institutionalisierung von Regeln erhöht deren Stabilität.
“Ihr habt gerade erlebt, wie ein soziales System eine Regel produziert: Problem erkannt, Optionen analysiert, Entscheidungsmechanismus gewählt, Ergebnis legitimiert. Genau das werden wir dieses Semester studieren — von Ökosystemen bis zu Organisationen. Die Du/Sie-Frage war euer erstes Modellsystem.”
Pro Gruppe ein A4-Blatt mit: