PS Angewandte Systemwissenschaften 1

Einheit 1: Einführung und Organisatorisches

David Maier
Institut für Umweltsystemwissenschaften
Universität Graz

Über mich

David Maier

  • PreDoc am Institut für Umweltsystemwissenschaften, Universität Graz
  • Forschungsschwerpunkt: KI-basierte Wissensextraktion und Organisation
  • Wie können wir mit modernen KI-Methoden Wissen aus wissenschaftlicher Literatur und Patenten extrahieren, strukturieren, verknüpfen und für Innovation nutzbar machen?

  • Interessen: AI... (socioeconomic impact, agentic workflows), Systemwissenschaften, Software Development, Segeln
Kontakt: david.maier@uni-graz.at

Vorstellungsrunde

15 Sekunden pro Person

1. Name

2. Studienrichtung

3. Was erwartest du dir vom Kurs?

4. Was hast du heute gefrühstückt?

Um was geht es in dieser Lehrveranstaltung?

Teil 1: Grundlagen

  • Was ist ein System? Konzepte, Definitionen, Denkweisen
  • Python-Grundlagen und Live-Coding
  • Technische Infrastruktur: Git, VSCode, Copilot

Teil 2: Gemeinsames Modell

  • Wir bauen gemeinsam ein agentenbasiertes Modell (ABM)
  • Reale Problemstellung als Ausgangspunkt
  • Vom Konzept zum lauffähigen Code

Teil 3: Gruppenprojekt

  • Gruppenarbeit an einer realen Fragestellung mit eigenen Erweiterungen
  • KI-gestützte Methoden und Werkzeuge
  • Abschlusspräsentation und Endbericht

Am Ende des Kurses habt ihr ein eigenes, lauffähiges Simulationsmodell gebaut und wisst, was das Modell kann und was nicht.

Was werdet ihr lernen?

Systemisches Denken

Komplexe Probleme als Systeme analysieren: Grenzen, Rückkopplungen, Emergenz

Modellierungskompetenz

Von der Problemstellung zum formalen Modell

Konzept, Struktur, ODD Framework, Modellanalyse

Python & KI-Tools

Agentenbasierte Modelle implementieren mit Python, Git und KI-gestützter Entwicklung

Bewertung

KomponentePunkte
2 Kurztests25
Gruppenprojekt45
Endbericht (Einzel)15
Mitarbeit15
Gesamt100

Notenschlüssel

NotePunkte
1 (Sehr gut)89–100
2 (Gut)77–88
3 (Befriedigend)65–76
4 (Genügend)51–64
5 (Nicht genügend)0–50

Workload: 75 h / 3 ECTS

AktivitätStunden
11 LV-Einheiten in Präsenz à 2 h22
Vor- und Nachbereitung10
Vorbereitung Kurztests6
Gruppenprojekt (Modell + Code)20
Endbericht (Einzelabgabe)7
Vorbereitung Abschlusspräsentation10
Gesamt75 h
Anwesenheit: Mindestens 9 von 11 Einheiten (maximal 2 Fehleinheiten). Abgabefrist Gruppenbericht & Endbericht: 1 Woche nach Einheit 11.

Das Gruppenprojekt

10 Gruppen

Je 4–5 Personen pro Gruppe

5 Projekte

Jeweils 2 Gruppen arbeiten am selben Thema

Abgabe

Lauffähiger Code + ausführlicher Bericht

Jedes Projekt enthält ein Basismodell, das modelliert und implementiert werden muss. Darüber hinaus sollt ihr eigene Erweiterungen entwickeln, diese im Bericht wissenschaftlich begründen und im Code umsetzen.

Am Ende präsentiert jede Gruppe ihre Ergebnisse. Die jeweils zweite Gruppe mit demselben Thema übernimmt die kritische Diskussion der Präsentation.

Bevor wir anfangen…

eine Frage vorab.

Duzen oder Siezen?

Die Frage

"Sollen wir uns in diesem Kurs duzen oder siezen? Lasst uns das kurz gemeinsam klären."

Ablauf

  1. 5 Minuten: Diskutiert in Kleingruppen (3–4 Personen): Was spricht für Du, was für Sie?
  2. 5 Minuten: Kurze Rückmeldung im Plenum: Handzeichen, Wortmeldungen
  3. Wir halten das Ergebnis vorläufig fest, die endgültige Entscheidung kommt später.
Bildet jetzt Kleingruppen mit euren Sitznachbar:innen und los geht's!

Eure erste Einschätzung

Bevor wir weiteranalysieren, ein kurzes Stimmungsbild:

Surprise...

Was gerade passiert ist, war unser erstes systemwissenschaftliches Experiment.

Phase 2: Systemanalyse

Ihr habt in einem sozialen System eine Regel verhandelt. Lasst uns das jetzt sezieren.

Block A

Systemstruktur: Macht, unsichtbare Regeln, Hierarchie

Block B

Dynamik: Folgewirkungen, Kipppunkte, Eingriffe

Block C

Grenzen & Kontext: Übertragbarkeit, Gewinner/Verlierer

Aufgabe: Geht zurück in eure Kleingruppen. Bearbeitet die Fragen auf den nächsten drei Slides, ca. 25 Minuten. Die Fragen sind auch auf euren Geräten sichtbar.

Block A: Systemstruktur

A1. Wer hatte die Macht, die Entscheidung zu beeinflussen? Wer hätte ein Veto gehabt? Warum?

A2. Welche "unsichtbaren Regeln" haben euer Gespräch gesteuert, die niemand explizit benannt hat?

A3. Was wäre anders gewesen, wenn eine Professorin die Frage gestellt hätte statt einem Doktoranden?

Denkt daran: Es geht nicht um die "richtige" Antwort, sondern darum, die Struktur sichtbar zu machen, die hinter einer scheinbar simplen Frage steckt.

Block B: Dynamik

B1. Stellt euch vor, wir hätten uns fürs Du entschieden. Zeichnet auf, was in den nächsten Wochen passieren könnte, positive und negative Ketten von Folgewirkungen. Mindestens 3 Schritte in jede Richtung.

B2. Gibt es einen Punkt, ab dem die Entscheidung nicht mehr rückgängig zu machen wäre? Warum?

B3. Was wäre der kleinstmögliche Eingriff gewesen, der das Ergebnis gekippt hätte?

Tipp: Denkt in Ketten: A führt zu B, B führt zu C… Und: Gibt es Stellen, wo C zurück auf A wirkt?

Block C: Grenzen & Kontext

C1. Würde dieselbe Entscheidung in einem Jus-Seminar, einem Sportkurs oder einer Firma gleich ausfallen? Was ändert sich, und warum?

C2. Wer profitiert vom Du, wer verliert dadurch etwas? Gibt es Gewinner und Verlierer, die nicht offensichtlich sind?

C3. Könnt ihr euch eine Situation vorstellen, in der eure Entscheidung von vorhin das Gegenteil bewirkt von dem, was ihr beabsichtigt habt?

Hinweis: Die Antworten auf C1 helfen euch zu verstehen, wo die Grenzen des Systems liegen, das ihr analysiert.

Phase 2b: Spieltheorie

Was für ein "Spiel" haben wir eigentlich gespielt?

Die Payoff-Matrix

Wenn zwei Personen im Kurs aufeinandertreffen, gibt es vier Szenarien:

B sagt "Du" B sagt "Sie"
A sagt "Du" Entspannt, locker, symmetrisch Awkward: A wirkt respektlos, B wirkt steif
A sagt "Sie" Awkward: A wirkt unterwürfig, B wirkt übergriffig Höflich, distanziert, symmetrisch
Aufgabe (Paararbeit, 5 min): Bewertet die vier Szenarien. Wie bewertet ihr sie? Stimmt ihr mit dieser Einschätzung überein?

Welches Spiel ist das?

Koordinationsspiel

Beide profitieren am meisten, wenn sie dasselbe tun.

  • Zwei Nash-Equilibria: (Du, Du) und (Sie, Sie)
  • Das Problem ist nicht Kooperation vs. Defektion
  • Sondern: Koordination auf dasselbe Equilibrium

Battle of the Sexes

Aber: Stimmt die symmetrische Bewertung wirklich?

  • Manche bevorzugen (Du, Du)
  • Andere bevorzugen (Sie, Sie)
  • Alle wollen sich koordinieren, aber auf unterschiedliche Equilibria

Das erklärt, warum die Entscheidung überhaupt schwierig ist, obwohl sie trivial wirkt.

Macht & Wiederholung

Die Machtdimension

Wer bestimmt, auf welches Equilibrium sich die Gruppe koordiniert?

  • Traditionell: Hierarchisch höhere Person bietet das Du an
  • Power-Semantik (Brown & Gilman, 1960)
  • Unser Konsent-Prozess: Demokratisierung → Focal Point durch kollektive Vereinbarung (Schelling)

Das wiederholte Spiel

Wir sehen uns jede Woche. Was ändert sich?

  • Norm-Entstehung: Nach 2–3 Wochen ist die Norm gefestigt
  • Reputation: Wer einmal Du sagt, kann schwer zurück → Pfadabhängigkeit
  • Reziprozität: Ich duze dich, weil du mich duzt → Tit-for-Tat
Abweichung wird sozial sanktioniert: wer als einziger siezt, "steht blöd da".

Phase 3: Konzept-Mapping

Eure Beobachtungen, die Fachbegriffe der Systemwissenschaft

Von der Beobachtung zum Konzept

Mögliche AussageSystemwissenschaftlicher Begriff
"Hauptsache alle machen's gleich"Koordinationsspiel / Nash-Equilibrium
"Manche wollen lieber Du, andere lieber Sie"Battle of the Sexes
"Der Lehrende hat's vorgeschlagen, also machen alle mit"Focal Point (Schelling)
"Du kannst danach nimmer zurück zum Sie"Pfadabhängigkeit / Lock-in / Hysterese
"Es hat gereicht, dass eine Person laut 'Du' gesagt hat"Tipping Point / Leverage Point
"Die Stimmung im Kurs wär komplett anders"Emergenz
"Wenn alle Du sagen, traut sich keiner mehr zu siezen"Positive Feedback-Schleife
"Der Doktorand fragt, aber er könnt's auch einfach bestimmen"Governance / Power Asymmetry (Ostrom)
"Im Jus-Seminar wär's undenkbar"Kontextabhängigkeit / Systemgrenzen
"Nach a paar Wochen traut sich keiner mehr zu wechseln"Repeated Game / Norm-Entstehung
"Wer als einziger siezt, steht blöd da"Soziale Sanktion / Abweichungskosten

Das große Bild

Ihr habt jetzt intuitiv viele zentralen Konzepte der Systemwissenschaft angewandt. An einem Alltagsbeispiel. Ab nächster Woche formalisieren wir das.

Struktur

Komponenten, Relationen, Hierarchie, Grenzen, Governance

Dynamik

Feedback, Emergenz, Pfadabhängigkeit, Tipping Points

Entscheidung

Spieltheorie, Koordination, Normen, Institutionen

Brown & Gilman (1960) · Schelling (1960) · Ostrom (1990) · Meadows (1999)

Phase 4: Die Entscheidung

Welchen Entscheidungsmechanismus wählen wir, und warum?

Drei Mechanismen

Mehrheitsentscheid

Schnell, klar, aber die Minderheit wird überstimmt. Klassisches Aggregationsproblem.

Konsent

Nicht "alle sind begeistert", sondern "niemand hat einen schwerwiegenden Einwand". Aus der Soziokratie.

Default + Opt-out

Ein Default wird gesetzt, individuelle Abweichung ohne Rechtfertigung möglich. Nudging-Logik (Thaler & Sunstein).

Mein Vorschlag: Konsent + individueller Opt-out. Wir einigen uns per Konsent auf eine Kursnorm. Wer persönlich beim Sie bleiben möchte, kann das jederzeit tun, kein Erklärungsbedarf.

Die Konsent-Runde

"Ich schlage vor, wir duzen uns im Kurs. Hat jemand einen schwerwiegenden Einwand?"

  • Stille → Entscheidung steht.
  • Einwand → kurz hören, Vorschlag ggf. modifizieren, nochmal fragen.

Habt ihr es bemerkt?

Ich habe gerade einen Focal Point gesetzt, indem ich das Du vorgeschlagen habe. Die spieltheoretische Struktur begünstigt Koordination auf das, was die "Autoritätsperson" vorschlägt. Genau die Machtdynamik, die ihr in Block A analysiert habt.

Focal Point

Der Vorschlag kam von mir das reicht, um die Koordination in eine Richtung zu lenken (Schelling).

Soziale Kosten

Öffentlich dem Lehrenden widersprechen in der ersten Einheit? Die Hürde ist hoch, unabhängig von eurer Meinung.

Governance

Ihr habt euch koordiniert. Aber war das wirklich eure freie Wahl oder die Struktur des Systems?

Systemwissenschaftliches Denken heißt, solche Dynamiken zu erkennen, auch wenn man selbst Teil des Systems ist.

Kurze Bestandsaufnahme

Und noch eine Frage

Und noch eine

Noch eine letzte Frage

Abschluss

Mitarbeitsaufgabe für Zuhause (optional, 3 Punkte)

Leseauftrag: Donella Meadows, Leverage Points: Places to Intervene in a System (1999)

Mindestens die erste Hälfte lesen (bis einschl. Punkt 6: Information Flows). Zum Artikel

Reflexion (200–300 Wörter) auf Moodle abgeben:

  1. Was ist Meadows' Kernidee und warum sind Leverage Points oft kontraintuitiv?
  2. Welche Verbindungen siehst du zur heutigen Einheit? z.B. Feedback-Schleifen, Systemgrenzen, Regeln, Informationsflüsse?
  3. Eigene Einschätzung zum Artikel. Warum interessiert er uns als Systemwissenschaftler?