Proseminar — SS 2026

Angewandte Systemwissenschaft

Lektion 2: Einführung in die Systemwissenschaft

David Maier
Institut für Umweltsystemwissenschaften
Universität Graz

Rückblick: Euer erstes Experiment

Letzte Woche: Duzen oder Siezen?

Struktur

Machtasymmetrien, unsichtbare Regeln, Hierarchie — wer entscheidet?

Dynamik

Feedback-Schleifen, Kipppunkte, Pfadabhängigkeit — was passiert danach?

Kontext

Systemgrenzen, Übertragbarkeit, unbeabsichtigte Folgen — wo gilt das?

Heute: Wir formalisieren die Konzepte, die ihr letzte Woche intuitiv angewandt habt. Die Du/Sie-Entscheidung bleibt unser Referenzbeispiel.

Von der Erfahrung zur Theorie…

Bevor wir modellieren, müssen wir verstehen, was wir modellieren und warum.

“It is soberly true that science has, to date, succeeded in solving a bewildering number of relatively easy problems, whereas the hard problems, and the ones which perhaps promise most for man’s future, lie ahead.”
— Warren Weaver (1948)

Was ist Systemwissenschaft?

Eine Meta-Wissenschaft

Systemwissenschaft untersucht nicht bestimmte Systeme (physikalische, biologische, soziale…), sondern allgemeine Eigenschaften, Dynamiken und Verhaltensweisen von Systemen als solchen.

Weavers drei Problemtypen

Einfache Probleme

Wenige Variablen, analytisch lösbar

Unorganisierte Komplexität

Viele Variablen, statistisch behandelbar

Organisierte Komplexität

Viele wechselwirkende Variablen → Systemwissenschaft

Mobus & Kalton (2015), Kap. 1 · Weaver (1948) via Jackson (2024), Kap. 2

Quick Check

Denkt an das Du/Sie-Experiment von letzter Woche:

Warum brauchen wir Systemwissenschaft?

“[Descartes’ Methode:] jede Schwierigkeit in so viele Teile wie möglich zu zerlegen … beim Einfachsten zu beginnen … und allmählich zum Komplexesten aufzusteigen.”
— René Descartes (1637)

Das Problem: Reduktionismus

  • Fragmentiertes Wissen in Silos
  • Spezialisierung erzeugt blinde Flecken
  • Komplexe Probleme (Klima, Ressourcen, Gesundheit) sind multi-kausal

Die Lösung: Systemdenken

  • Integrative Perspektive
  • Verbindungen zwischen Disziplinen erkennen
  • Muster sichtbar machen, die in einzelnen Disziplinen verborgen bleiben
“There is no way of seeing reality that is not dependent on a perspective — no point of view that is absolute and universal.” — Carlo Rovelli (2021)

Mobus & Kalton (2015), Kap. 1 · Jackson (2024), Kap. 1

Lineares vs. Systemisches Denken

Beispiel: Rauchen

Lineare Sicht

Person entscheidet sich zu rauchen

Rauch gelangt in die Lunge

Krebs

Systemische Sicht

Gehirnentwicklung im Jugendalter, Gruppendruck, Unternehmensmarketing, Nikotinmanipulation, Lobbying, Tabakanbau, Agrochemie, Flussverschmutzung, Versicherungskosten, Steuerpolitik…

Eine “persönliche Entscheidung” ist eingebettet in ein Netzwerk verflochtener Faktoren.

Bezug zum Experiment: Auch eure Du/Sie-Entscheidung war keine rein persönliche Wahl — sie war eingebettet in Hierarchie, Konventionen, Gruppendynamik und institutionellen Kontext.

Mobus & Kalton (2015), Kap. 1

Wicked Problems

Wicked Problems (Rittel & Webber, 1973) sind Probleme, die sich grundsätzlich von “zahmen” technischen Problemen unterscheiden.

Merkmale

  • Schwer eindeutig zu formulieren
  • Keine “richtige” oder “falsche” Lösung — nur besser oder schlechter
  • Jedes Problem ist im Wesentlichen einzigartig
  • Multiple, interdependente Ursachen
  • Lösungen haben irreversible Konsequenzen

Beispiele

Klimawandel

Gesundheitssysteme

Armut & Ungleichheit

Stadtplanung

→ Genau die Probleme, für die wir Systemwissenschaft brauchen.

Rittel & Webber (1973) via Jackson (2024), Kap. 2

Quick Check

War unsere Du/Sie-Entscheidung ein “Wicked Problem”?

Was ist ein System?

Definition

Ein System ist ein Ganzes, bestehend aus wechselwirkenden Komponenten, die untereinander in einer Weise verbunden sind, die sich von ihren Beziehungen zu anderen Elementen unterscheidet. Dieser Unterschied definiert eine Grenze (Boundary).

“A system is a set of things — people, cells, molecules, or whatever — interconnected in such a way that they produce their own pattern of behavior over time.”
— Donella Meadows (2008)

Kernidee: Systemhaftigkeit (systemness) ist eine rekursive Eigenschaft — Systeme bestehen aus Subsystemen, die selbst wieder Systeme sind.

Mobus & Kalton (2015), Kap. 3

Eigenschaften von Systemen

Grenze (Boundary)

Definiert, was zum System gehört und was zur Umgebung. Kann physisch (Zellmembran) oder konzeptuell sein.

Komponenten

Die Teile des Systems — selbst wiederum Systeme mit eigenen Eigenschaften und Interaktionspotentialen.

Relationen & Netzwerke

Verbindungen zwischen Komponenten: Flüsse von Materie, Energie und Information.

Emergenz

“Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile.” — Aristoteles. Systemeigenschaften, die aus dem Zusammenspiel entstehen.

Hierarchie

Systeme sind in strukturellen und funktionalen Hierarchien organisiert — Subsysteme innerhalb von Systemen.

Umgebung (Environment)

Quellen und Senken: Systeme tauschen Materie, Energie und Nachrichten mit ihrer Umgebung aus.

Mobus & Kalton (2015), Kap. 3

Bouldings Hierarchie der Komplexität

EbeneNameBeispiel
1Strukturen & RahmenKristallgitter
2UhrwerkeSonnensystem
3KontrollmechanismenThermostat
4Offene SystemeBiologische Zelle
5Niedere OrganismenPflanze
6TiereElefant
7MenschenSelbstbewusstsein, Sprache
8Soziokulturelle SystemeNationen, Organisationen
9Transzendentale Systeme“Unausweichliche Unbekannte”
Achtung: Theorien einer niedrigeren Ebene dürfen nicht auf höhere Ebenen übertragen werden — z.B. eine Organisation wie eine Maschine zu behandeln.

Boulding (1956) via Jackson (2024), Kap. 2

Systeme sind überall

“Virtually everything in the universe, including the universe itself, is a system!”
— Mobus & Kalton (2015)

Vier Arten, Systeme zu betrachten

Systeme in der Welt

Ontologisch — reale physische Systeme (Ökosysteme, Organismen, Maschinen)

Systeme im Kopf

Epistemologisch — mentale Modelle, unser Verständnis der Welt

Systeme in der Abstraktion

Mathematisch — formale Beschreibungen, Gleichungen, Graphen

Systeme in Software

Computationale Modelle — Simulationen, die “ein Eigenleben entwickeln”

Mobus & Kalton (2015), Kap. 1

Was macht ein System komplex?

Cilliers’ 10 Merkmale komplexer Systeme

1 Große Anzahl an Elementen mit dynamischer Interaktion
6 Gesamtverhalten nicht vorhersagbar durch Einzelverhalten
2 Interaktionen sind reichhaltig — jedes Element beeinflusst viele andere
7 Systemgrenzen sind schwer oder unmöglich zu definieren
3 Interaktionen sind nicht-linear — kleine Ursachen, große Wirkungen
8 Konstanter Energiefluss erhält die Organisation
4 Interaktionen hauptsächlich mit unmittelbaren Nachbarn
9 Komplexe Systeme evolvieren — ihre Vergangenheit prägt die Gegenwart
5 Jede Interaktion kann direkt oder indirekt rückgekoppelt werden
10 Elemente sind sich des Gesamtverhaltens nicht bewusst
“Complex systems have two natures: orders far from complete randomness, but these orders are not simple.” — Kita (2021)

Cilliers (1998) via Jackson (2024), Kap. 2 · Kita in Metcalf et al. (2021), Kap. 9

12 Prinzipien der Systemwissenschaft

1 Systemhaftigkeit — Alles ist ein System aus Systemen
7 Information — Systeme kodieren Wissen
2 Hierarchie — Strukturelle und funktionale Ebenen
8 Regulation — Feedback-basierte Stabilität
3 Netzwerke — Relationen zwischen Komponenten
9 Modelle — Systeme enthalten Modelle anderer Systeme
4 Dynamik — Verhalten auf mehreren Zeitskalen
10 Selbstmodelle — Komplexe Systeme modellieren sich selbst
5 Komplexität — Verschiedene Arten und Stufen
11 Verstehbarkeit — Systeme können verstanden werden
6 Evolution — Systeme entwickeln sich weiter
12 Verbesserbarkeit — Systeme können verbessert werden

Prinzipien 1–5 gelten für alle Systeme · Prinzipien 6–12 besonders für komplexe adaptive Systeme

Mobus & Kalton (2015), Kap. 1

Von Systemen zu Modellen…

Wir verstehen, was Systeme sind. Aber wie arbeiten wir mit ihnen?

Was ist ein Modell?

Definition

Ein Modell ist eine vereinfachte Darstellung eines Systems in einem anderen Medium (z.B. Computerprogramm, Gehirn, Papier), die nur die wesentlichen Elemente enthält und an der Tests durchgeführt (Fragen gestellt) werden können.

“All decisions are made on the basis of models. Most models are in our heads. […] Mental models have serious shortcomings.”
— Jay W. Forrester (1994)
“Models should be judged in terms of usefulness rather than as representations of the ‘real world’. The world changes, in part due to the influence on it of models made of it.” — Jackson (2024)

Mobus & Kalton (2015), Kap. 13 · Jackson (2024), Kap. 6

Wozu brauchen wir Modelle?

Vorhersage — Wie verhält sich das System unter bestimmten Bedingungen?

Szenario-Tests — Was passiert, wenn wir Parameter verändern? (“What-if”)

Verständnis überprüfen — Produziert unser Modell dasselbe Verhalten wie das reale System?

Design testen — Parameter eines Entwurfs prüfen, bevor wir ihn bauen.

Steuerung — Eingebettete Modelle in Kontrollsystemen (Regelungstechnik).

“Simulation is a third way of doing science. Unlike deduction, it does not provide theorems. Unlike induction, the data comes from a rigorously specified set of rules rather than direct measurement of the real world.”
— Robert Axelrod (1997)

Mobus & Kalton (2015), Kap. 13 · Axelrod (1997) via Terano in Metcalf et al. (2021), Kap. 13

Wie modellieren wir?

Von der Analyse zum Modell

Systemanalyse — Zerlegung in Komponenten & Relationen

Wissensbasis — Fakten, Hypothesen, Daten

Modellbildung — Vereinfachte Abbildung im gewählten Medium

Simulation — Modell laufen lassen, Verhalten beobachten

Validierung — Vergleich mit dem realen System

Iteration — Modell verbessern und wiederholen
“…to keep oneself unattached in the arena of paradigms, to realise that no paradigm is ‘true’, that every one is a tremendously limited understanding of an immense and amazing universe.” — Donella Meadows (2008)

Mobus & Kalton (2015), Kap. 12 & 13 · Meadows (2008) via Jackson (2024), Kap. 6

Modellierungsansätze

Vier Arten von Modellen

  • Physische Modelle Maßstabsgetreue Nachbauten (Windkanal)
  • Mathematische Modelle Gleichungssysteme, analytische Lösungen
  • Statistische Modelle Korrelation ≠ Kausalität!
  • Computermodelle Iterative Simulation, die häufigste Form heute

Drei zentrale Ansätze

System Dynamics

Causal Loop Diagrams (CLDs) zur Visualisierung, Stock & Flow-Diagramme für Simulation. Gegründet von Jay Forrester.

Agentenbasierte Modellierung

Autonome Agenten mit einfachen Regeln → emergentes Gruppenverhalten. Mikro-Verhalten erzeugt Makro-Muster. “Keep It Simple!” (Axelrod)

Operations Research

Optimierung komplexer Systeme mit mathematischen Methoden.

Mobus & Kalton (2015), Kap. 13 · Jackson (2024), Kap. 6 · Terano in Metcalf et al. (2021), Kap. 13

Zusammenfassung & Ausblick

Heute gelernt

  • Systemwissenschaft — eine Meta-Wissenschaft für organisierte Komplexität
  • Wicked Problems — warum lineares Denken scheitert
  • System — ein Ganzes aus wechselwirkenden Komponenten mit Grenze
  • Komplexität — Bouldings Hierarchie, Cilliers’ 10 Merkmale
  • Modellierung — iterativer Prozess, Simulation als “dritter Weg”

Nächstes Mal

Lektion 3: Von Null zum Modell — wir entwickeln gemeinsam mit Stift und Papier ein erstes Systemmodell.
Bis dahin: Technische Einrichtung vorbereiten (VSCode, GitHub-Account, Copilot).
“Those that know do. Those that understand teach.”
— Aristoteles